Sieh’s mal einfach! – Erklärvideos in der Medienpädagogik

Diskussionen, die kaum noch zu überblicken sind - Zusammenhänge, die man nur sehr schwer versteht und Themen, die immer komplexer werden. Jeder Einzelne ist immer häufiger mit der Komplexität des Geschehens in vielen Lebensbereichen überfordert. Dabei braucht es gar nicht viel, um den Knoten im Kopf zu lösen: Eine gute Idee, Papier, Stift, Schere, Kamera und schon entsteht ein Erklärvideo.

Die Bedeutung von Bewegtbild im Netz steigt. Das zeigt die aktuelle ARD/ZDF-Onlinestudie 2017. So gaben 53% der Befragten an, mindestens einmal pro Woche Onlinevideos zu nutzen. Das entspricht einer Steigerung von 36% im Verlauf der letzten zehn Jahre. Vor allem die Altersgruppe der 14-29 Jährigen nutzt Onlinevideos. Dabei ergibt sich gerade auf der Videoplattform YouTube eine große Bandbreite an Inhalten, die von Amateurvideos über Unterhaltungsformate bis hin zu Tutorial- und Erklärvideos reichen. Letztere sind schon seit einigen Jahren in Deutschland auf dem Vormarsch. In einer 2016 im Journal of Education and Learning veröffentlichten Studie, gaben 81 % der 16-29-Jährigen an, schon einmal ein Erklärvideo gesehen zu haben. Diese drei- bis sechs-minütigen Filme greifen komplexe Zusammenhänge auf und erklären diese anschaulich und leicht verständlich für ein breites Publikum. Für die Erklärungen werden immer wieder auch kleine Geschichten genutzt. Die gesprochene Story wird durch Grafiken, Icons und Schrift unterstützt, die während des Videos ins Bild geschoben und wieder verwischt werden. Mittlerweile haben sich zahlreiche Stile für die Umsetzung der Erklärvideos herausgebildet, zum Beispiel: Scherenschnitt, Live-Zeichnung, Whiteboardanimationen oder komplett animierte Filme.

Ebenso vielfältig sind die Einsatzmöglichkeiten. Während Anbieter, wie Explainity sich vorwiegend auf politische Themen spezialisiert haben, nutzen zahlreiche Unternehmen die Erklärvideos für ihre interne und externe Kommunikation. Aber auch Kinder und Jugendliche greifen immer häufiger auf Erklärvideos im Netz zurück, um den Schulstoff besser zu verstehen. Nicht nur die gezeichneten Videos erfreuen sich großer Beliebtheit. Auch YouTuber wie Mirko Drotschmann (MrWissen2go) bieten altersgerechte Erklärungen zu verschiedenen Themen.

Obwohl somit auch der Einsatz im schulischen Kontext auf der Hand liegt, hat der Trend die meisten Schulen und Jugendeinrichtungen leider noch nicht erreicht. Dabei lassen sich mit einem Erklärvideo ganz einfach auch Unterrichtsinhalte oder schwierige Themen anschaulich aufbereiten. Die Krankenhausschule des Heinrich-Braun-Klinikums Zwickau startete im Dezember letzten Jahres gemeinsam mit dem SAEK Zwickau ein Erklärvideoprojekt. Sechs Jugendliche erklärten darin das Prinzip und die Funktionsweise der „Tankstelle – Psychiatrie“. Mit einer kleinen selbstgeschriebenen Geschichte, verschiedenen Protagonisten und Illustrationen sollten so Angst und Vorurteile rund um das Thema Psychiatrie abgebaut werden. Nach der Konzeption der Geschichte erstellten die Jugendlichen die verschiedenen Figuren mit Adobe Illustrator und erweckten ihren Text mit Hilfe der Trickbox anschließend zum Leben. Zum Schluss wurde das Video geschnitten und vertont.


Auf diese Weise wird nicht nur Sach- und Fachwissen vermittelt, sondern auch Medienkompetenz erworben. Der Einstieg in die Videoproduktion ist niedrigschwellig und eignet sich gut für Anfänger. Während klassische Kurzfilmprojekte einen deutlich höheren Planungs- und damit Zeitaufwand bedeuten, ist hier die Erklärung gleichzeitig auch die Narration. Dadurch liegt der Fokus besonders auf dem gestalterischen Prozess. Neben der Technikkompetenz stehen in solchen Projekten auch immer Urheber- und Persönlichkeitsrecht als Themen im Mittelpunkt. Und das nicht ohne Grund: Laut JIM-Studie 2017 ist YouTube bei den Jugendlichen zwischen 12 und 19 Jahren das beliebteste Internetangebot. Immer häufiger sind sie dabei nicht nur Rezipienten, sondern auch Produzenten von Onlinevideos und müssen sich somit an geltendes Recht halten. Hier sind vor allem Schule und Eltern gefragt, die Jugendlichen in ihrer Lebenswelt abzuholen, sie auf Risiken, aber auch Chance aufmerksam zu machen und diese gemeinsam zum Beispiel in einem Videoprojekt zu gestalten.


Krämer, Andreas / Böhrs, Sandra: How Do Consumers Evaluate Explainer Videos. An Empirical Study on the Effectiveness and Efficiency of Different Explainer Video Formats, in: Canadian Center of Science and Education [Hrsg.]: Journal of Education and Learning 1/2017, DOI 10.5539/jel.v6n1p254, S. 254-266.

Kupferschmitt, Thomas: Onlinevideo: Gesamtreichweite stagniert, aber Streamingdienste punkten mit Fiction bei Jüngeren. Ergebnisse der ARD/ZDF Onlinestudie-2017, in: Krupp, Manfred [Hrsg.]: Media Perspektiven 9/2017, http://www.ard-werbung.de/media-perspektiven/fachzeitschrift/2017/artikel/onlinevideo-gesamtreichweite-stagniert-aber-streamingdienste-punkten-mit-fiction-bei-juengeren/, S.448.

Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest (mpfs) [Hrsg.]: JIM 2017. Basisstudie zum Medienumgang 12- bis 19-Jähriger in Deutschland, November 2017, https://www.mpfs.de/fileadmin/files/Studien/JIM/2017/JIM_2017.pdf, S. 33.

Wolf, Karsten D.: Video-Tutorials und Erklärvideos als Gegenstand, Methode und Ziel der Medien- und Filmbildung, in: Barberi, Alessandro et. al [Hrsg.]: Filmbildung im Wandel, Wien 2015, S. 121-131.

 
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